Der Schach-Marathon von Locarno – eine wunderbare Verrücktheit

Im Innenhof der Società Elettrica Sopracenerina (SES) stellten sich gestern Samstag 40 Teilnehmende einem Rundenturnier. Alle mussten also 39 Blitzpartien spielen. Ein ganzer Tag Schach ohne Atempausen, in dem jeder Zug ein Blitz ist und jeder Fehler wie ein Felsbrocken wiegt.
Wie kann man nur so verrückt sein, um eine solche Herausforderung anzunehmen? Denn nur wer Schach wirklich liebt, steht im Morgengrauen auf, setzt sich bereits um 7.30 Uhr ans Brett und weiss, dass er/sie erst am Abend wieder aufsteht. Es braucht eine Portion Unbekümmertheit, um 39 verschiedene Gegner(innen) nacheinander zu bewältigen – ohne Inkrement, ohne Pause, ohne auch nur die Zeit, zwischen einer Partie und der nächsten durchzuatmen.
Und doch ist es genau diese Verrücktheit, die den Marathon, den der seinen 110. Geburtstag feiernde Schachklub Locarno organisierte, einzigartig macht: ein kollektives Ritual, eine mentale Reise, ein Fest der Ausdauer und der Klarheit. Hier gewinnt man nicht nur mit Technik. Man gewinnt mit dem Kopf, mit Zähigkeit, mit der Fähigkeit, konzentriert zu bleiben, selbst wenn der Körper um Gnade bittet.
Der SES‑Innenhof verwandelte sich für einen Tag in eine vibrierende Arena. Die Tische waren im Kreis angeordnet, mit dem Tisch des topgesetzten deutschen Grossmeisters Vitaly Kunin – dem einzigen Spieler, der sich nie bewegte – in der Mitte. Uhren, die im Gleichklang ticken, Spieler, die sich wie Zahnräder einer perfekt funktionierenden Maschine bewegen. Das Publikum schaut zu, neugierig und fasziniert, während die Spannung von Runde zu Runde steigt.
Sieger des Turniers wurde der favorisierte Vitaly Kunin, der als Einiger ungeschlagen blieb, mit 35 Punkten vor FM Jacopo Motola (Italien/34½) und FM Fabrizio Patuzzo (Lugano/33½).
Hier finden Sie die Rangliste.
Das Tessiner Fernsehen brachte einen interessanten Bericht über den Schach-Marathon in Locarno.
Weitere Infos finden Sie auf der Website des Tessiner Schachverbandes.