Interview des Monats mit Stefan Rau (CEO von ChessLine): Schach mit KI lernen

Stefan Rau ist Geschäftsführer des Start-Up-Unternehmens ChessLine. Damit wollen er und sein Mitgründer Carl von Burg dank Künstlicher Intelligenz das Schachlernen effizienter gestalten.
Café Oscar. Hauptbahnhof Zürich. Stefan Rau, CEO des Technologieunternehmens ChessLine, sitzt entspannt im Innenhof des Cafés. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem weissen Schriftzug ChessLine. Faszinierend ist für mich die Gestaltung des Logos. Auf den ersten Blick erkennt man sofort die Linienführung mit Weiss und Schwarz, die einen Bauern darstellt. Erst beim näheren Betrachten bemerkt man, dass die zwei Kernbuchstaben C und L des Firmennamens ChessLine grafisch kunstvoll sichtbar und doch unsichtbar im Logo integriert sind. Ich spreche ihn sofort direkt darauf an.
Das Logo gefällt mir persönlich sehr.
Mit Buchstaben haben wir eine Schachfigur gebaut. Eine klare, minimalistische Form zeichnet es aus unserer Sicht aus.
Auf dem Handy präsentiert mir Stefan Rau die erste Skizze. Ein Profigrafiker hat im Anschluss den Entwurf verfeinert. Für Stefan Rau, der an der Universität St. Gallen Marketing studiert hat, ist es selbstverständlich wichtig, wie die Firma auftritt.
Wie sieht denn Ihr Auftritt konkret aus?
Man spricht von einer konsistenten Sprache im Marketing. Das heisst in Bezug auf ChessLine: einfach und modern.
Mit dem Programm ChessLine soll somit das Erlernen von Eröffnungslinien beim königlichen Spiel einfacher sein?
Es geht individuell auf die schachspezifischen Bedürfnisse des Benutzers und der Benutzerin ein. Dank der Einbindung von Künstlicher Intelligenz entstehen Lösungen, die sehr gezielt sind. Kurz: Man hat einen KI-Schachlehrer.
Was kann denn ChessLine zurzeit?
Beispielsweise kann ein individuelles Eröffnungsrepertoire aufgebaut und trainiert werden, das der eigenen Spielstärke entspricht.
Auf der Website von ChessLine existiert dazu ein Werbefilm mit dem Titel «ChessLine – The smarter way to train chess openings».
In diesem Bereich existiert schon eine starke Konkurrenz.
Es stimmt, dass beispielsweise Chessable und Chessbook ebenfalls das Erlernen von Eröffnungslinien ermöglichen. Unser Trumpf ist es, dass wir individuell auf deine Bedürfnisse eingehen können und auch spezifische Fragen im Dialog beantworten kann – wie ein persönlicher Schachcoach, der dich wirklich versteht, aber nicht aus Fleisch und Blut ist. Das ist aber noch Zukunftsmusik. So weit sind wir noch nicht.
Das Programm entwickelt sich somit konstant weiter?
Das ist unsere Stärke. Wir sind als Start-Up-Unternehmen Anfang Jahr mit dem Schach-Programm ChessLine auf den Markt gekommen und haben es Schritt für Schritt verbessert.
Wie funktioniert die Weiterentwicklung genau?
Über verschiedene Kanäle bekommen wir konstant Rückmeldungen zum Programm. Diese Feedback-Kultur unserer Community hilft uns, denn sie begleitet uns auf dem Weg. So wissen wir genauer, was unsere Schachkunden und -kundinnen für Anliegen haben und können unser Produkt gezielt weiterentwickeln.
Das Programm ChessLine war somit als es auf den Markt kam salopp ausgedrückt unfertig beziehungsweise unbrauchbar.
Wenn du dich nicht schämst fürs erste Produkt, das du lancierst, dann hast du es zu spät lanciert.
Diese Aussage bringt mich zum Lachen. Zwei in der Schweiz aufgewachsene Männer haben hier den Mut, mit einem Prototyp direkt auf den Markt zu gehen. Sie setzen auf die moderne Strategie «agiles Projektmanagement». Interessant ist, dass das «unperfekte» ChessLine-Programm einen starken Kontrast darstellt zum herausragenden Logo. Die Website chessline.io liefert noch englischsprachige Fachbegriffe wie Real Game Data, Opponent Specific Preparation, Personalized Preparation und Adaptive Practice System.
Wie viel Arbeit dahinter steckt, wissen nur der Chief Technology Officer (CTO) Carl von Burg und CEO Stefan Rau. Sie sind auf eine positive Art frech und mutig vorgegangen. Der Startup-Approach kann mit der Strategie Trial- and-Error beschrieben werden, wobei die Rückmeldungen der User und Userinnen sozusagen als Schwarm-Intelligenz den eingeschlagenen Weg konstant neu definieren.
Kommen wir zu den Zahlen.
Wir sind Ende Februar 2025 mit der Webseite gestartet und konnten bereits um die 1000 registrierte Kunden und Kundinnen gewinnen, wobei zurzeit nur eine Handvoll zahlt und somit Zugang zu weiterführenden Funktionen hat.
Worauf kann denn beispielsweise ein zahlender Kunde zugreifen?
Jeder, der sich auf chessline.io registriert, erhält einen Gratis-Token. Damit kann man sich eine Premium-Eröffnung gratis generieren. Es gibt zwei Möglichkeiten. Erste Variante: Ein personalisiertes Eröffnungsrepertoire, das für deine Spielstärke die besten Züge und Linien findet und dich auf das vorbereitet, was die meisten Gegner auf deinem Niveau auch tatsächlich spielen. Zweite Option: Ein Eröffnungsrepertoire, um sich auf einen spezifischen Gegner (chess.com oder Lichess Benutzername erforderlich) vorzubereiten und seine Schwächen zu finden. Wir hoffen natürlich, dass den Benutzerinnen und Benutzern die Eröffnungsrepertoires gefallen und sie mehr als nur eine Eröffnung generieren wollen. Die sind dann kostenpflichtig.
Das liebe Geld wird einmal mehr eine entscheidende Rolle spielen. Stefan Rau und Carl von Burg investieren nun Zeit und Ersparnisse, um etwas in ihrem Leben zu wagen. Etwas Erfreuliches gilt es in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Die Hasler Stiftung stellt 50’000 Franken zur Verfügung, damit das Institut für Data Science an der Fachhochschule Nordwestschweiz für ChessLine ein ChessGPT entwickeln kann. Im Gegensatz zu ChatGPT soll ChessGPT das Schachspiel wirklich verstehen und kann den Benutzerinnnen und Benutzern kompetent Auskunft geben.
Der Weg zur Firmengründung, die Entstehung der Idee, ein Schachprogramm zu coden würde mich ebenfalls interessieren.
Ich besitze unzählige Spiele und bezeichne mich als leidenschaftlicher Brett- und Kartenspieler. In den Ferien geschah es, dass ich gegen meinen Schwager im königlichen Spiel verlor. Der persönliche Ehrgeiz packte mich daraufhin, und ich begann mich intensiver mit Schach auseinanderzusetzen. Mittlerweile bin ich Mitglied im Schachclub Gundeldingen und stelle mir stets die Frage, wie ich mich verbessern kann: Bücher lesen, YouTube-Videos studieren, Online-Kurse auf chess.com oder Chessable. Mir hat da etwas gefehlt, dass auf meine spezifischen Bedürfnisse eingeht.
Und dann hast du es selber in die Hand genommen. Wie kam die Verbindung zwischen dir und Carl von Burg zustande?
Ich habe in meinem Schachklub mit verschiedenen Personen über meine Idee von ChessLine gesprochen. Carl war direkt begeistert. Wir verstehen uns super, und er bringt das fehlende Puzzleteil mit: Er kann ChessLine selber programmieren!
Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft. Was steht bevor?
Eine ChessLine-App wird auf den Markt kommen.
Das Interview neigt sich dem Ende zu. Stefan Rau bleibt noch im Foyer sitzen und arbeitet am Computer. Sein Zug nach Basel wird bald kommen. Zweifelsohne hat er mit seinem Mitgründer nicht den einfachsten Weg genommen, um das Leben zu meistern. Der vorgespurte Weg, Schritt für Schritt die Karriereleiter in einem Unternehmen hinaufzusteigen, haben die beiden bewusst verlassen. Der Kompass ist neu justiert.
Interview: Graziano Orsi
Stefan Rau persönlich
Wohnort: Basel.
Geburtsdatum: 2. September 1990.
Beruf: CEO ChessLine.
Rating: 1757.
Hobbys: Schach, Fussball, Surfen, Snowboard, Karten- und Brettspiele, Golf.
Schach-Buchtipp: «How to reassess your chess» von Jeremy Silman, «Die 7 Wege zur Effektivität» von Stephen Covey.