Interview des Monats mit David Camponovo: «Unser Klub wurde mit einer klaren Mission gegründet»

Wie wollen Sie das Tessin in der Schweizer Schachszene etablieren?
Dieser Weg begann vor mehr als 25 Jahren mit der Gründung des Memorials Barbero – einer Veranstaltung, die inzwischen ihre 25. Ausgabe erreichte. Das Festival entstand aus zwei grundlegenden Anliegen. Einerseits sollte die Erinnerung an den unvergessenen Grossmeister Gerardo Barbero gewürdigt werden, verbunden mit einem hohen sportlichen Niveau und der Teilnahme zahlreicher Grossmeister. Andererseits wollten wir ein Turnier schaffen, das allen offen steht – von den Jüngsten bis zu Anfängern ohne ELO-Zahl.
Was unternahmen Sie konkret?
In den vergangenen 15 Jahren erweiterte ich meine Kenntnisse kontinuierlich und besuchte regelmässig Seminare in Psychologie und Pädagogik, bis ich 2023 den Titel FIDE Instructor erlangte. Auf organisatorischer Ebene wurde der Grand Prix – eine Serie von Jugendturnieren, die im gesamten Tessin stattfindet – ins Leben gerufen, um allen die Möglichkeit zu geben, erste Erfahrungen im Wettkampfschach zu sammeln und damit die Grundlage für eine spätere Weiterführung der Tätigkeit in den lokalen Schachklubs zu schaffen. In diesem Sinne waren wir bei der Organisation von Turnieren, beispielsweise im Mendrisiotto, gewissermassen Pioniere. Wir trugen die Schachkultur weit über Lugano hinaus und zogen die gesamte Region mit ein.
Welche Bedeutung hat für Sie die schulische Ausbildung im Schach?
Ich widmete den schulischen Aktivitäten stets grosse Aufmerksamkeit. Die Schule ist ein hervorragender Ort, um Kinder an die grosse Schachfamilie heranzuführen. Entscheidend ist jedoch, dass es einen Klub gibt, der als Katalysator wirkt und aus dieser ersten Neugier eine nachhaltige Leidenschaft entstehen lässt. Da ich im Tessin keine Realität fand, die meiner Vorstellung vollständig entsprach, beschloss ich im Jahr 1998, die Aquile di Lugano zu gründen. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten und einiger kritischer Stimmen aus Kreisen des Tessiner Schachverbands wurde der Klub mit einer klaren Mission gegründet: die Förderung junger Talente. Ich bin fest davon überzeugt, dass Schach eine echte «Lebensschule» ist, die wichtige Werte vermittelt, schulische Leistungen verbessern und soziale Beziehungen fördern kann. Zu sehen, wie sich junge Menschen dank dieses Sports entwickeln, ist meine grösste Motivation.
Wie entwickelte sich danach Ihr Engagement?
Mit der Geburt meiner Kinder und dem Beginn der Sommerkurse wuchs mein Engagement noch weiter. Heute verfügen wir dank der Aquile im Tessin über eine bisher beispiellose Zahl junger Spielerinnen und Spieler mit einer ELO-Zahl. Das betrachte ich als aussergewöhnlichen Erfolg unserer Nachwuchsarbeit. Gleichzeitig erkannte ich, dass es dem Tessin aufgrund einer zu geringen Präsenz im Nachwuchsbereich schwerfiel, sich auf nationaler Ebene zu behaupten. Deshalb lancierte ich 2023 eine ehrgeizige Herausforderung: ein Qualifikationsturnier für die Schweizer Jugend-Einzelmeisterschaft nach Lugano zu holen. Die Ziele waren auf zwei Ebenen: das Tessin wieder ins Zentrum der nationalen Schachszene zu rücken und Lugano als historische Schachstadt aufzuwerten. Unter Nutzung der Erinnerung an die Olympiade von 1968, der Opens der 1990er-Jahre mit Unterstützung der Banca del Gottardo, der Unterstützung des Tessiner Schachverbands und meiner Erfahrung als Verleger und Journalist gelang es uns, an der Universität della Svizzera Italiana (USI) eine aussergewöhnliche Veranstaltung zu organisieren. Es war ein logistischer und gemeinschaftlicher Erfolg, der eine bisher nicht gekannte mediale Wirkung erzielte. Denn Schach muss erzählt werden, wenn es wachsen soll.
Im vergangenen November organisierte Ihr Verein Aquile di Lugano erstmals im Tessin ein SJEM-Qualifikationsturnier. Wie fällt Ihre Bilanz dieser Tessiner Premiere aus?
Es war, als würde ein Traum wahr werden. Ich lebe ständig von Träumen, die jede Phase meines Weges prägen. Endlich eine nationale Veranstaltung ins Tessin, hier nach Lugano, zu bringen, war die Krönung dieses Weges. Abgesehen von der persönlichen Freude ist entscheidend, dass das Tessin konkret gezeigt hat, dass es eine Veranstaltung dieser Grössenordnung hervorragend organisieren kann. Die Rückmeldungen aus allen Teilen der Schweiz festigten nicht nur strategische Beziehungen, sondern – das können wir offen sagen – brachte das Tessin schweizerischer und die Schweiz näher zum Tessin. Die Veranstaltung ging weit über die reine Integration hinaus. Sie war ein Neuanfang und ermöglicht es uns, gemeinsam mit den anderen Kantonen ehrgeizige Ziele zum Wohle unseres Sports zu setzen.
Welchen Effekt hatte diese Veranstaltung auf interner Ebene?
Auf interner Ebene war diese Veranstaltung ebenfalls von grosser Bedeutung, da die verschiedenen Klubs angesichts dieser neuen Herausforderung zusammenarbeiten mussten. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen zu danken, die zum Erfolg dieser Initiative beigetragen haben. Schliesslich war auch die mediale Präsenz aussergewöhnlich: Die Berichterstattung von RSI, Teleticino, Radio und Zeitungen brachte das Schach auf die Titelseiten und war für unser gesamtes Organisationsteam eine enorme Genugtuung.
Was bewegt Sie, vom 6. bis 8. November 2026 erneut ein Qualifikationsturnier in Lugano zu organisieren?
Es ist eine Frage meines Charakters und meiner Einstellung. Ich war schon immer davon angetrieben, Dingen, an die ich glaube, Kontinuität zu verleihen. Nehmen wir die Zeitschrift «Ticino by Night». Es begann fast wie ein Experiment, eine Art Start-up. Trotz des Verlusts eines Partners und der unvermeidlichen Schwierigkeiten auf dem Weg ist die Zeitschrift seit 27 Jahren solide und aktiv. Diese Entschlossenheit zeigt sich in allem: im Memorial Barbero, das inzwischen seine 26. Ausgabe erreicht hat, und vor allem in meinem Engagement für die Jugend. Ich arbeitete mit vielen Klubs zusammengearbeitet, aber ich suchte nach einer klaren Linie und einer bestimmten Ausrichtung, die ich anderswo nicht fand. Also schuf ich sie selbst und zog dabei auch Menschen mit ein, die vielleicht weniger Erfahrung mit Schach haben, aber eine grosse Leidenschaft dafür mitbringen. Da die Zahl der Schachspielerinnen und Schachspieler im Tessin wächst, müssen wir auch an die Familien denken. Auswärtsteilnahmen verursachen erhebliche Kosten (Übernachtungen, Reisen und Ferientage), die sich nicht alle Eltern leisten können. Ein Qualifikationsturnier nach Lugano zu holen, baut diese Hürden ab. Für viele Jugendliche könnte 2026 das Jahr ihres ersten Qualifikationsturniers werden: eine Einstiegsmöglichkeit, diese Welt zu entdecken und das Schachspiel anschliessend professioneller weiterzuführen.
Gibt es noch Wichtiges zu erwähnen in Bezug zum Qualifikationsturnier?
In diesem Jahr ziehen wir ins Palazzo dei Congressi um. Obwohl dies finanziell aufwändiger ist als der wunderschöne Standort der USI, ist die Verwirklichung dieses Traums wichtig: Wir wollen das grosse Schachspiel an den historischen Austragungsort des Lugano Opens zurückbringen. Wir werden mitten im Stadtzentrum, in der Nähe des Parco Ciani, sein und wollen auch die lokalen Geschäfte einbeziehen und die grosse Schachtradition Luganos wieder aufleben lassen. Schliesslich ist auch die Wahl des Zeitraums kein Zufall: Der November ist Nebensaison. Mit dieser Initiative unterstützen wir den Tourismus in einer ruhigeren Zeit und bieten Lugano gleichzeitig eine prestigeträchtige Plattform. Ich danke Partnern wie San Salvatore, Splash & Spa und Tamaro Park. Sie erhalten die Möglichkeit, sich bei mehr als 200 Familien aus der ganzen Schweiz zu präsentieren. Ausserdem ermöglicht die Durchführung während der Allerheiligen-Feiertag den Jugendlichen, die Anreise am Freitag zu vermeiden und sich während der Ferien ganz auf das Spiel zu konzentrieren.
Was erhoffen Sie sich von diesen Qualifikationsturnieren für Ihren Verein?
Wie bereits erwähnt, wünsche ich mir fürs Tessin – noch vor meinem eigenen Verein – mehr Zusammenhalt. Nach den Spaltungen der Vergangenheit halte ich es für entscheidend, wieder ein gemeinsames Ziel zu finden: die Förderung der Jugend. Mit grosser Genugtuung stelle ich fest, dass auch innerhalb des Klubs ein neuer Geist der Einheit herrscht, bereichert durch die Begeisterung jener, die ihre Erfahrung in den Dienst der Gemeinschaft stellen. Dieser Schwung ist auch für unsere Schachschule ein wertvoller Motor. Die Suche nach neuen Trainern bleibt eine Priorität: Die Rekrutierung von Grundausbildnern ist der kritische Punkt, um neue Ausbildungskurse anbieten zu können. Diese Herausforderung gehen wir engagiert an und prüfen verschiedene Möglichkeiten. Im Leistungsbereich arbeiten wir an mehreren Fronten: gemeinsam mit der Tessiner Schachföderation, um gemeinsame Trainingsangebote zu fördern, und über neue Pilotprojekte.
Können Sie ein konkretes Beispiel erwähnen?
Die Einladung von Grossmeister Lexy Ortega zu einer Trainingssession während der Allerheiligen-Woche. Wir arbeiten an weiteren Initiativen, die unseren Talenten – Jugendlichen mit ELO-Zahl und grossem Entwicklungswillen – ermöglichen sollen, sich weiterzuentwickeln. Letztlich ist dieses Turnier ein wichtiges Instrument, denn gerade im Austausch mit Gleichaltrigen kann die Leidenschaft für Schach entstehen, sich festigen und sich zu einem nachhaltigen Weg entwickeln.
Sind Sie der Meinung, dass diese Turniere bedeutungsvolle Auswirkungen auf die Tessiner Jugendschachszene haben werden?
Absolut. Wie bereits erwähnt, entspricht eine Veranstaltung dieser Grössenordnung zwangsläufig den Bedürfnissen junger Familien. Über die verschiedenen Kommunikationskanäle können sie unsere Welt kennenlernen und wertvolle Informationen erhalten. Darüber hinaus ist es eine Einladung an jene Spieler, auch Meister, die das Schachbrett vielleicht einmal zur Seite gelegt haben, wieder ins Spiel zurückzukehren. Auch für Leistungstalente, die sich häufig an der schwierigen Schwelle zur nächsten Entwicklungsstufe befinden, ist es ein aussergewöhnlicher Ansporn, vor heimischem Publikum zu spielen. Diese vielfältigen positiven Auswirkungen zu beobachten, entschädigt für die unzähligen Arbeitsstunden, die in dieses Projekt investiert wurden. Zwar wechseln wir den Austragungsort, aber das organisatorische Konzept wird sich am Modell des vergangenen Jahres orientieren und weiterhin einen starken werbenden Schwerpunkt auf die Stadt Lugano legen.
Glauben Sie, dass Sie mit diesen Turnieren die Position des Tessins in der Schweizer Jugendschachszene festigen können?
Das ist eine entscheidende Frage, die mir besonders am Herzen liegt. Ich möchte mich persönlich beim Schweizerischen Schachbund bedanken, insbesondere bei René Hirzel, der an unser Projekt geglaubt und uns die Möglichkeit gegeben hat, es ins Leben zu rufen, ebenso wie bei all jenen, die dazu beigetragen haben, dieses Projekt zu verwirklichen. Ich möchte nochmals betonen: Dieses Projekt ist nicht zufällig entstanden, sondern das Ergebnis von zwei Jahren intensiver Arbeit. Ich bin überzeugt, dass das Tessin an Glaubwürdigkeit gewonnen hat und in gewisser Weise endlich wiederentdeckt wurde. Nun gilt es, diesen Weg zu festigen, damit wir uns auf nationaler Ebene einen bedeutenderen Platz erarbeiten können. In der Vergangenheit hatten wir aufgrund unserer geografischen Lage im Süden und der Verpflichtung, bis nach Bern gruppiert zu werden, mit logistischen Schwierigkeiten und kulturellen Barrieren zu kämpfen. Es ist unbestritten, dass die Kommunikation mit Menschen, die dieselbe Sprache sprechen und geografisch näher liegen, den Dialog enorm erleichtert. Dank der laufenden und zukünftigen Initiativen wächst die Bedeutung des Tessins – zum Vorteil der gesamten Schweizer Schachbewegung.
Und wie positioniert sich der Schachclub Aquile di Lugano?
Auch als Aquile di Lugano richten wir unseren Blick nicht nur auf die anderen Kantone: Wir knüpfen auch bedeutende Kontakte mit Italien. In Kürze werden wir zwei wichtige Partnerschaften aufbauen: eine mit dem Team von Le Due Torri aus Spilimbergo – dem Austragungsort des prestigeträchtigsten italienischen Turniers und eines regionalen Schachförderzentrums, das vor einem Jahr eröffnet wurde – und eine weitere mit Il Posto degli Scacchi aus Bra im Piemont. Im Tessin entsteht derzeit etwas, das schon immer vorhanden war, bisher aber eher auf einer regionalen Ebene geblieben ist. Heute nimmt es dank der Leidenschaft vorausschauender Menschen, die von Anfang an an dieses Projekt geglaubt haben, eine strukturiertere Form an.
Welche weiteren Ziele setzten Sie sich als Präsident des Schachklubs Aquile di Lugano?
Das Projekt der Aquile di Lugano wurde grundsätzlich ins Leben gerufen, um jungen Menschen einen Weg in der Schachwelt zu bieten, der vor allem über den Sport hinausgeht und eine echte Lebensschule darstellt. Neben unserer Schachschule, die weiterhin das wichtigste Element bildet, organisieren wir auch gemeinsame Freizeitaktivitäten – im Zirkus, im Kino oder bei einfachen Spaziergängen –, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Wir blicken mit neuen Zielen in die Zukunft: Nachdem wir zwei Jahre lang die Tessiner Blitz- und Schnellschachmeisterschaften organisiert hatten, führten wir im vergangenen Jahr erfolgreich ein Mannschaftsturnier ein. Unser Ziel ist es, den Treffpunkt am Donnerstagabend im Hotel «Pestalozzi» in Lugano zu festigen und perspektivisch neue Standorte zu finden, um weitere Schachbegeisterte aufzunehmen. Ausserdem arbeiten wir mit der Universität zusammen, um Jugendliche einzubeziehen, die bisher nur online gespielt haben, und um die Zahl der offenen Veranstaltungen zu erhöhen. Schach kann in jedem Alter entdeckt werden und ermöglicht Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Wir haben noch viele Seiten zu schreiben.
Was bewog Sie 2023 dazu, diesen Klub zu gründen?
Wie bereits erwähnt, bestand der ursprüngliche Antrieb darin, jungen Menschen einen Klub nach ihren Bedürfnissen auszurichten, mit einer eigenen Schachschule als Schwerpunkt. Der Name stammt von einer Mannschaft, die 1998 gebildet wurde. Im Laufe der Zeit weitete sich das Interesse auch auf Erwachsene aus. Gemeinsam mit dem Vizepräsidenten, dem Internationalen Meister Damir, gründeten wir dieses Projekt mit der Idee, den Jugendlichen ein echtes «Zuhause» zu geben. Heute nimmt der Klub auch erwachsene Mitglieder auf und entwickelt sich zu einer umfassenderen und generationenübergreifenden Gemeinschaft. Neben der Teilnahme an der Tessiner Meisterschaft werden wir für die Schweizerischen Mannschaftsmeisterschaft (SMM) 2027 ein Team in der 4. Liga anmelden. Mein Wunsch ist es ausserdem, das Vereinsangebot durch monatliche Veranstaltungen – von Vorträgen bis zu gemeinsamen Abendessen mit Schachbezug – zu erweitern.
Wie viele Mitglieder zählt der Verein derzeit?
74, davon 45 U16. Wir zählen sowohl Mitglieder, die beim SSB registriert sind, als auch rund 15 weitere Schachbegeisterte, die aus verschiedenen Gründen nicht lizenziert sind, aber dennoch Teil des Projekts Le Aquile di Lugano sein möchten.
Wie entwickelte sich die Zahl der jungen Mitglieder in den vergangenen Jahren?
Das ist eine komplexe Frage, da unsere heutige Realität noch jung ist und erst 2023 neu aufgebaut worden ist. Viele unserer Mitglieder verfügen derzeit noch über keine ELO-Wertung. Deshalb verfügen wir noch nicht über eine ausreichend lange Datenreihe, um einen vollständigen Entwicklungstrend aufzuzeigen. Ich glaube, dass diese Frage in einigen Jahren wesentlich aussagekräftiger sein wird, wenn wir genügend Daten gesammelt haben, um eine konsolidierte Bilanz unserer Entwicklung zu ziehen.
Seit wann engagiert sich Ihr Verein im Jugendbereich?
Seit der Gründung. Der Verein wurde – wie bereits erwähnt – 1998 als Team-Cup-Projekt gegründet und 2023 neu aufgebaut. In den vergangenen Jahren hat sich unser Engagement im Jugendbereich stark intensiviert.
Gibt es genügend aktive Mitglieder, um die Arbeit im Verein ausgewogen zu verteilen?
Offen gesagt ist der Bedarf an aktiver Unterstützung eine ständige Herausforderung. Da ich in mehr als 20 Vereinen engagiert bin, stelle ich fest, dass die Suche nach Menschen, die bereit sind, ihren Beitrag zu leisten, eine universelle Herausforderung ist. In den letzten Jahren hatte ich jedoch das Glück, ein bunt gemischtes Komitee zusammenzustellen, in dem jeder seinen Erfahrungsschatz einbringt. Leonardo Biondi beispielsweise war massgeblich an der Erstellung des Portals www.scaccomatto.ch beteiligt, während sich andere Mitglieder engagiert um die organisatorische Arbeit hinter den Kulissen kümmern. Zudem arbeitet Aniello De Lucia aktiv mit, der sich um alle Rahmenveranstaltungen kümmert. Auch der Beitrag junger Studierender unter der Leitung des Vorstandsmitglieds Davide Milani nimmt zu. Sie unterstützen uns bei der Ausbildung und Betreuung während der Turniere und am Donnerstagabend im Hotel «Pestalozzi». Von grosser Bedeutung ist auch Dr. Mauro Macconi, der gelegentlich als «Joker» fungiert und mich bei Bedarf vertritt. Zudem werde ich von meinem Team bei ART Promotion unterstützt, insbesondere bei der grafischen Gestaltung und der Kommunikation. Insgesamt können wir uns nicht beklagen, freuen uns aber immer über jeden, der sich uns anschliessen und seinen Beitrag leisten möchte.
Wie sind die Trainings für die Jugendlichen aufgebaut, und wer leitet sie?
Unsere Schachschule steht unter meiner direkten Leitung als FIDE Instructor. Die Trainings sind so aufgebaut, dass sie ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis bieten – unterstützt durch einige Mitglieder des Komitees. Wir führen neue Kurse ein, um auf das stetig steigende technische Niveau zu reagieren und den Jugendlichen immer neue und vielfältige Impulse zu geben. Wir organisieren regelmässig intensive Trainingslager und wollen diese Richtung künftig noch verstärken. Ausserdem haben wir uns mit grosser Begeisterung einem Projekt des Tessiner Schachverbands angeschlossen, das die besten Talente der italienischsprachigen Schweiz fördern soll. Neben den spezifischen Initiativen der Aquile di Lugano sind von September bis Dezember mehrere Trainings geplant, an denen WGM/IM Elena Sedina und FM Simone Medici teilnehmen werden.
Kürzlich nahmen fünf junge Spieler von Aquile di Lugano am «Level Up» im italienischen Chiavenna teilgenommen und konnten sich dort mit dem indischen Grossmeister Ramachandran Ramesh austauschen. Was für eine Erfahrung war das?
Es war eine wertvolle Gelegenheit für unsere Jugendlichen, Erfahrungen zu sammeln und sich weiterzuentwickeln. Das von Alfiere Bianco organisierte «Level Up» fand zwischen Ende Juni und Anfang Juli statt. Alfiere Bianco ist unser exklusiver Partner, den wir in der Schweiz vertreten. Die Jugendlichen konnten mit sechs international renommierten Trainern zusammenarbeiten, darunter dem indischen Grossmeister Ramesh, von denen jeder über spezifische Fachkenntnisse verfügt. Der Kurs behandelte sowohl das taktische Denken als auch die psychologischen Aspekte des Spiels auf integrierte Weise und bot den Jugendlichen verschiedene, sich ergänzende Werkzeuge, um einen echten Qualitätssprung zu vollziehen. Ein Kurs dieses Niveaus, der in italienischer Sprache angeboten wird, ist eine wirklich wertvolle und seltene Gelegenheit, da es sich derzeit um ein Unikat handelt. Ramesh hatte mich bereits 2023 im Hinblick auf den FIDE-Instructor-Titel bewertet. Erneut an seinem Kurs teilzunehmen und mich mit ihm auszutauschen, war für mich eine grosse Inspiration. Ich konnte zahlreiche Anregungen sammeln, die wir in das Programm unserer Schachschule integrieren werden. Ausserdem nahmen wir an «Smart Chess» teil, das vom italienischen Grossmeister Luca Moroni geleitet wurde. Ich hatte die Gelegenheit, mich gemeinsam mit einigen Jugendlichen der Aquile di Lugano und dem Vorstandsmitglied Agnello De Lucia mit ihm auszutauschen. Auch seine didaktischen Ratschläge waren für mich sehr wertvoll. Besonders faszinierend war es, die methodischen Unterschiede zwischen dem indischen und dem westlichen pädagogischen Ansatz zu analysieren.
Worin bestehen denn konkret diese methodischen Unterschiede? Oder anders und provozierend gefragt: Was machen die Inder besser?
Ich glaube, dass alle Schachphilosophien und -schulen der Welt etwas Positives mit sich bringen. In diesem konkreten historischen Moment dominiert jedoch Indien im Jugendbereich, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, und kann zudem den Weltmeister vorweisen. Die indische Schule stützt sich ihrerseits auf die Erfahrungen früherer Schachschulen, zeichnet sich jedoch vor allem durch die Intensität der Arbeit aus. Die Jugendlichen werden dazu angeregt, täglich viele Stunden dem Training zu widmen. Hinzu kommt ein wichtiger sozialer Aspekt. In Indien kann es eine Chance für persönliches Wachstum und soziale Anerkennung bedeuten, ein guter Schachspieler zu werden. Dies veranlasst Familien und Jugendliche, einen sehr anspruchsvollen Weg mit grosser Entschlossenheit zu beschreiten. Im Schach, wie im Sport allgemein, hängen die Ergebnisse nicht nur vom Talent ab, sondern auch vom Lernen und vom Arbeitsaufwand. Und genau in dieser Hinsicht scheint Indien derzeit allen anderen überlegen zu sein: Es bietet Trainingsprogramme und ein tägliches Engagement, das in der westlichen Welt kaum akzeptiert würde. Bei uns stehen natürlich die Schule und viele andere Aktivitäten im Vordergrund, und Schach kommt erst an zweiter Stelle. Das bedeutet nicht, dass der eine Ansatz zwangsläufig besser ist als der andere. Es handelt sich lediglich um kulturelle und methodische Unterschiede, die derzeit zu den aussergewöhnlichen Erfolgen Indiens beitragen.
Arbeiten Sie auch mit anderen Schachklubs oder Schachschulen zusammen?
Natürlich. Die Synergien haben sich gerade im Zuge des Qualifikationsturniers weiter verstärkt. Meine absolute Priorität ist die Bildung einer Tessiner Jugendmannschaft für die Meisterschaften. Ich freue mich sehr über die Vorstellung, dass unsere besten Talente unter dem Dach des Tessiner Schachverbands gemeinsam antreten können. Parallel dazu bauen die Aquile di Lugano – wie bereits erwähnt – ein Netzwerk von Partnerschaften mit Schachvereinen im Piemont und im Friaul auf.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Tessiner Schachszene, insbesondere im Hinblick auf den Nachwuchs?
Es ist unbestreitbar, dass wir seit vielen Jahren nicht mehr eine derartige Konzentration junger Talente erlebt haben. Heute haben wir Spieler, die in den Kategorien U18, U16, U14 und U12 regelmässig zu den 25 Besten der Schweiz gehören. Man denke nur an das Turnier in Basel im vergangenen Jahr: Drei unserer Spieler klassierten sich in der Kategorie U12 unter den ersten zehn. Diese Resultate bestätigen die Vitalität unserer Schachbewegung. Unser Ziel, das wir mit der Tessiner Schachföderation teilen, besteht darin, dieses Wachstum zu festigen, unsere Jugendlichen an die Spitze der nationalen Ranglisten zu führen und die Zahl der lizenzierten Spieler weiter zu erhöhen.
Auch Ihre beiden Söhne Dario (12 Jahre) und Daniele (10 Jahre) spielen Schach. Welche Bedeutung hat das Spiel der Könige in der Familie Camponovo?
Zunächst möchte ich erwähnen, dass auch meine Familie, wie viele Schweizer Familien, die Realität einer Scheidung erlebt hat. Trotzdem nehmen die Schachspieler in der Familie Camponovo eine zentrale und unverzichtbare Rolle ein. Meinen Söhnen ebenso wie meinen Schülern möchte ich nicht nur Technik und Taktik vermitteln. Mein Ziel ist es, die tiefgreifenden Lehren weiterzugeben, die dieses Spiel bietet: Resilienz, Arbeitsethik und die Fähigkeit, Parallelen zwischen dem Schachbrett und dem Leben zu erkennen. Es ist eine Verbindung, die über den reinen Wettbewerb hinausgeht. Ich habe verschiedene Leidenschaften, aber ich finde, dass es für einen Vater keine grössere Befriedigung gibt, als Freundschaften und gemeinsame Wege mit seinen Kindern teilen zu können. Schach wirkt in diesem Sinne als aussergewöhnlicher Katalysator und ermöglicht es uns, soziale Kreise und Beziehungen aufzubauen, die ein Leben lang Bestand haben können.
In einem Interview mit dem «Mattino della Domenica» sagten Sie, dass Talent allein im Schach nicht ausreicht. Was braucht es Ihrer Meinung nach vor allem, um in diesem Denksport erfolgreich zu sein?
Ich möchte diesen Gedanken bekräftigen: Um die Spitze zu erreichen, reicht natürliches Talent allein nicht aus. Es braucht eine konsequente Disziplin, getragen von echter Leidenschaft und dem ständigen Willen, sich weiterzuentwickeln. Erfolg ist das Ergebnis von Einsatz, Resilienz und harter Arbeit – Elemente, die es ermöglichen, solide und nachhaltige Resultate aufzubauen. Auch die Technik muss unabhängig vom erreichten Niveau kontinuierlich weiterentwickelt werden. Persönlich fühle ich mich mit über 50 Jahren bewusster und besser vorbereitet als früher, sowohl in meiner Rolle als Trainer als auch als Spieler – dank einer kontinuierlichen Weiterbildung und der ständigen Vertiefung meiner Kenntnisse.
Interview: Graziano Orsi
David Camponovo persönlich
Wohnort: Lugano.
Geburtsdatum: 9. März 1976.
Beruf: Journalist.
Hobbys: Sport, insbesondere Ski und Schwimmen. Die Welt des Weins und der Gastronomie. Blues und italienische Musik.
ELO: 1841.
Klub: Aquile di Lugano.
Lieblingsschachspieler: Bobby Fischer.
Schach-Buchtipps: «Die Grundzüge des Schachs» von José Raul Capablanca, «La palestra dei finali» von Mauro Casadei (Endspielbuch), «Key Elements of Chess Strategy» von Georgij Lisitsyn.