Schweizer Rapid- und Blitzmeisterschaft 2026
21.08.2026 – Markus Angst

Interview des Monats mit Gundula Heinatz Bürki: «schneller, höher, stärker, gemeinsam»

Die über elf Runden führende Schach-Olympiade findet vom 16. bis 27. September im usbekischen Samarkand statt. Gundula Heinatz Bürki wird in einer Doppelfunktion als Delegationsleiterin und als Damen-Captain amtieren. Wie laufen die Vorbereitungen?
Sem 2026 Hryzlova Heinatz 1
WIM Gundula Heinatz Bürki (rechts) amtiert an der Olympiade in Samarkand in einer Doppelfunktion als Delegationsleiterin und als Damen-Captain. An den diesjährigen Schweizer Einzelmeisterschaften in Grächen gewann sie hinter WIM Sofiia Hryzlova (links) die Silbermedaille.

In weniger als einem Monat beginnt die Schach-Olympiade. Was gilt es noch zu erledigen?

Die meisten administrativen Arbeiten, wie die Organisation der Flüge, Versicherungen, Visa und des Hotels, sind erledigt. In welchem Hotel wir genau untergebracht sind, wird uns noch mitgeteilt. Für die Damen-Nationalmannschaft steht noch ein Trainingscamp mit Grossmeister Markus Ragger an. Er ist seit Januar 2026 unser Trainer.

Worauf haben Sie als Captain in der Vorbereitungsphase besonders geachtet?

Die nominierten Spielerinnen müssen mit Spielpraxis zur Olympiade fahren – also in den letzten Monaten mindestens ein Turnier bestritten haben. Alle Spielerinnen bewiesen beim Mitropa-Cup oder an einem geschlossenen Einladungsturnier ihre gute Form. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Damen genug Zeit aufbringen können, um selbstständig an ihrem Schach zu arbeiten.

Fanden im Vorfeld bestimmte Anlässe statt, um Unklarheiten oder Probleme oder gar Taktiken zu besprechen?

Viele Informationen und Fragen wurden im Vorfeld bereits über einen Online-Gruppenchat weitergegeben. Die Damen-Nationalmannschaft besteht aus fünf erfahrenen Spielerinnen. Diese kennen sich gut und haben bereits in vergangenen Einzel- und Mannschaftsturnieren zusammen gespielt. Ausserdem steht noch ein gemeinsames Trainingscamp an.

Mit welchen Zielsetzungen reist die Schweizer Damen-Mannschaft an die Olympiade?

Die Damen-Nationalmannschaft startet als Nummer 14. Wir streben eine Top-10-Platzierung an und wollen uns unter den Top 5 der europäischen Länder platzieren. Ausserdem ist unser Ziel, für den Weltcup eine Qualifikation für die Spielerinnen zu erreichen.

Was macht für Sie den Reiz einer Olympiade aus?

Sie vereint mehr als 200 Nationen. Ich finde es faszinierend, dass sowohl Mannschaften mit Weltklasse-Spielerinnen als auch Teams mit weniger starken Spielerinnen in einem Turnier spielen. Für mich widerspiegelt es den olympischen Gedanken mit dem klassischen Motto «citius, altius, fortius, communiter» – schneller, höher, stärker, gemeinsam. Die Teilnahme, der eigene Einsatz und der Respekt vor den Gegnerinnen zählen mehr als die reine Medaillenjagd. Genau diese Erfahrung durfte ich sowohl als Spielerin als auch als Captain bei zwölf Olympiaden erleben.

Sie werden trotz Ihrer grossen Erfahrung selber nicht mitspielen. Was spricht für diese Entscheidung?

Durch meine Funktion als Verantwortliche für Spitzensport im Verband stehen nun andere Ziele im Vordergrund. Ausserdem ist das Damenkader in den letzten vier Jahren stärker geworden.

Sie haben an den Schweizer Einzelmeisterschaften in Grächen mit dem Gewinn der Silbermedaille bewiesen, dass Sie nach wie vor mit der Schweizer Damen-Spitze mithalten können. Ist Ihr Ehrgeiz noch da, eine Tages wieder im Nationalteam zu spielen?

Ich spiele leidenschaftlich gerne Schach und freue mich über jeden Erfolg – in welchem Turnier und welcher Mannschaft auch immer. So habe ich 2025 erstmals ein internationales Seniorenturnier gespielt und wurde gleich Ü50-Europameisterin. Sofern es eines Tages eine Schweizer Damen-Seniorenmannschaft gibt, wäre das ein weiteres Kapitel.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die Olympiade fürs Schweizer Schach, und wie wichtig ist Ihnen das Endresultat?

Die Olympiade ist eine hervorragende Standortbestimmung des Schweizer Spitzenschachs. Von daher erhoffe ich mir spannende Partien und überdurchschnittliche Ergebnisse. Unsere Damen sind sehr ehrgeizig und vor allem motiviert, unter die Top 10 zu kommen. Mit GM Alexandra Kosteniuk haben wir eine Weltklassespielerin am ersten Brett. Das Team wird ergänzt durch erfahrene Olympionikinnen: WGM Ghazal Hakimifard, die aktuelle Schweizer Meisterin WIM Sofiia Hryzlova, WIM Mariia Manko und WIM Camille De Seroux.

Sie sind auch Leiterin des Ressorts Spitzensport im Zentralvorstand des Schweizerischen Schachbundes (SSB). Welchen Stellenwert misst der ZV der Schach-Olympiade konkret bei?

Der Spitzensport ist als Aushängeschild für das Schweizer Schach und gegenüber unseren Sponsoren enorm wichtig. Entsprechend der Möglichkeiten des Verbandes werden die Nationalteams der Damen, Herren und auch unsere Junioren unterstützt.

Die Olympiade findet in Samarkand statt. Kennen Sie diese Stadt?

Ich war noch nie dort, aber ich habe schon über diese faszinierende Stadt und die Seidenstrasse gelesen. Ich bin gespannt darauf, eine neue Kultur kennenzulernen.

Wie sieht es mit der Unterkunft und der Ernährung vor Ort aus?

Es ist geplant, dass wir dieses Mal mit der Herren- und Damenmannschaft im gleichen Hotel sind. Zumindest haben wir die Bestätigung des Organisators erhalten, doch fehlen uns noch Details. Ein gemeinsames Hotel schweisst die Delegation zusammen und fördert den Teamgeist sowie den Austausch auch neben dem Brett.

Welche Funktionen haben Sie als Damen-Captain vor Ort während der Olympiade?

Ich bin Ansprechpartnerin für alle organisatorischen Fragen. So werden wir am Captains-Meeting zu Beginn detailliert über den Turniermodus und die Reglemente wie beispielsweise Fairplay und Anti-Cheating informiert. Diese müssen die Spielerinnen vor der 1. Runde kennen. Ausserdem lege ich in Absprache mit dem Trainer an jedem Tag die Mannschaftsaufstellung fest. Mein Ziel ist, die besten Rahmenbedingungen für die Spielerinnen zu schaffen, sodass sie sich wohlfühlen und ihre Leistung abrufen können.

Und wann beginnt das Studium, die Datenanalyse der Gegnerinnen?

Das ist ein kontinuierlicher Prozess, der auch durch den Trainer begleitet und im Trainingscamp besprochen wird. Gleichzeitig bereiten sich die Spielerinnen mit ihren persönlichen Trainern auf die Olympiade vor.

Dürfen Sie als Damen-Captain während den Spielen Tipps wie Remis-Angebote annehmen oder ablehnen geben?

Nein, es herrscht absolute Schweigepflicht.

Neben Ihnen amtiert Felix Hindermann als Herren-Captain. Gibt es mit ihm einen Austausch?

Wir tauschen uns regelmässig aus, sei es bei der organisatorischen Vorbereitung oder auch vor Ort. Wir bilden mit den beiden Teams eine Einheit. Der Teamspirit ist mir besonders wichtig.

Erstmals wird auch eine Schweizer Beteiligung an der Behinderten-Schacholympiade in Samarkand (11. bis 17. September) teilnehmen. Besteht eine Vernetzung Ihrerseits zu dieser Mannschaft?

Die treibende Kraft hinter diesem Projekt ist Marc Tillmann (Anmerkung der Redaktion: Mit ihm werden wir nach der Olympiade ein Interview des Monats führen), den ich schon seit Jahren kenne. Natürlich bin ich mit ihm im regen Austausch und wir geben uns gegenseitig Tipps. Es hat mich sehr für ihn und die Mannschaft gefreut, dass sie einen Startplatz von der FIDE erhalten haben. Auf jeden Fall drücke ich ihnen die Daumen und freue mich darauf, sie in Samarkand am Schachbrett zu erleben.

Haben Sie in Ihrer verantwortungsvollen Position auch einen Coach oder eine Unterstützung? Wer steht Ihnen zur Seite?

Unterstützung habe ich bei der Kommunikation mit dem Veranstalter in Usbekistan durch die Geschäftsstelle erhalten, insbesondere von Philipp Aeschbach und Sofiia Hryzlova. Ich möchte mich auch meiner Kollegin Prabitha Urwyler bedanken, die ein Visum für eine Spielerin beschaffte und die Behinderten-Mannschaft organisatorisch betreut. Mein Sparringpartner ist mein Mann Thomas, der mir auch kritische Fragen stellt.

Wir fragten auch Felix Hindermann, Captain der Herren-Mannschaft, wie zuversichtlich er der Olympiade entgegenblickt.

Die Olympiade ist der sportliche Höhepunkt des Jahres. Unser Kader vereint Erfahrung mit frischem Wind. Mit GM Sebastian Bogner, GM Nico Georgiadis, GM Li Min Peng und IM Fabian Bänziger verfügen wir über vier etablierte Nationalspieler. Gleichzeitig haben wir uns bewusst dafür entschieden, das Team zu verjüngen und FM Colin Federer für das fünfte Brett zu nominieren. Er wird in Usbekistan sein Debüt für das Schweizer Nationalteam geben.

Gemäss Startrangliste wird die Schweiz voraussichtlich im Bereich von Rang 40 geführt. Auf eine konkrete Rangvorgabe verzichte ich bewusst. Alle nominierten Spieler präsentieren sich in diesem Jahr jedoch sehr aktiv und in guter Form. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir das Potenzial haben, den einen oder anderen Favoriten zu ärgern und gegen Teams aus den Top 30 zu punkten.

Persönlich hoffe ich zudem auf möglichst viele Paarungen mit aussereuropäischen Mannschaften – genau diese Vielfalt macht den besonderen Reiz einer Olympiade aus. Und natürlich würde ich mich freuen, wenn uns das Los ausgerechnet den Gastgeber Usbekistan als Gegner bescheren würde.

Ich freue mich ausserordentlich auf diese Olympiade und bin sehr dankbar, dieses Team begleiten zu dürfen. Als Trainer, dieses Mal allerdings remote, wird wie in den Vorjahren GM Miguel Santos amtieren.

Interview: Graziano Orsi

Gundula Heinatz Bürki persönlich

Alter: 57.

Beruf: selbstständig.

Hobbys: Lesen, Reisen.

ELO: 2079.

Klub: SK Trubschachen.

Titel: WIM.

Lieblingsschachspielerin: Judit Polgar.

Schach-Buchtipp: Mauricio Flores Rios: «Chess Structures».

Hier finden sie alle Infos zu den beiden Schweizer Mannschaften an der Olympiade in Samarkand.

Hier finden sie eine Vorschau zur Behinderten-Olympiade in Samarkand.

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