Interview des Monats mit Marc Tillmann: «Die Behinderten-Olympiade war eine super Erfahrung»

Als Startnummer 14 erreichte die Schweizer Mannschaft in Samarkand unter 41 Teams den 19. Platz. Sind Sie zufrieden mit dem Teamergebnis?
Ja, wir sind zufrieden. Für unsere erste Teilnahme war der 19. Platz eine akzeptable Leistung. Wir wussten im Vorfeld nicht genau, wo wir international stehen. Umso schöner war es, dass wir uns im Mittelfeld platzieren konnten.
Wie kam es überhaupt dazu, dass erstmals eine Schweizer Mannschaft an der Behinderten-Olympiade teilnahm?
Die FIDE führt eine Liste der Schachspieler(innen) mit Behinderung. Für die Qualifikation werden unter anderem die fünf bestgewerteten Spieler(innen) eines Landes berücksichtigt und daraus die durchschnittliche Spielstärke berechnet. Auf dieser Grundlage werden die Startplätze für die einzelnen Kontinente vergeben. Europa erhielt mehrere Plätze, und die Schweiz gehörte aufgrund ihrer Spielstärke glücklicherweise dazu.
Was haben Sie im Vorfeld unternommen, damit die Schweizer Premiere zustande kam?
Am Anfang waren auf der FIDE-Liste gerade einmal fünf Spieler, die für die Schweiz spielberechtigt waren, eingetragen. Ich habe deshalb verschiedene Spieler angefragt, ob sie sich ebenfalls auf die Liste setzen lassen möchten. Mittlerweile sind es 31. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Schön wäre es natürlich, wenn wir die Liste noch weiter ergänzen könnten, denn damit verbessern sich auch unsere Möglichkeiten für zukünftige Teilnahmen.
Sie waren somit massgeblich an dieser Premiere beteiligt. Was hat Sie denn derart motiviert, dieses Projekt zu realisieren?
Welcher Spieler oder welche Spielerin träumt nicht davon, einmal an einer Olympiade teilzunehmen? Für mich war deshalb schnell klar, dass ich diesen Aufwand gerne auf mich nehme. Es war eine einmalige Chance, erstmals eine Schweizer Mannschaft an einer solchen Olympiade an den Start zu bringen.
Welche Rolle spielten Sie genau bei diesem Abenteuer in Usbekistan?
Ich war vor allem für die administrativen und organisatorischen Vorbereitungen zuständig. Dazu gehörten unter anderem die Koordination mit der FIDE, die Reiseorganisation und verschiedene Abklärungen im Vorfeld. Vor Ort übernahm Ruedi Gautschi das Captain-Amt.
Gab es ein Projektteam für dieses Abenteuer?
Ich hatte Unterstützung von Gundula Heinatz Bürki, Vizepräsidentin und Verantwortliche für Spitzensport und Sponsoring beim Schweizerischen Schachbund, von Prabitha Urwyler, Verantwortliche für Schach mit sozialer Wirkung und das Thema Inklusion beim SSB, von unserem Captain Ruedi Gautschi sowie von der SSB-Geschäftsstelle. Ohne diese Unterstützung wäre die Organisation deutlich schwieriger gewesen.
Mit welchen Hauptschwierigkeiten wurden Sie im Vorfeld konfrontiert, und wie haben Sie die Probleme gelöst?
Die grösste Schwierigkeit war das Einholen des Visums für Halit Rexhepi, der aus dem Kosovo stammt. Wir wussten bis zuletzt nicht, ob wir das Visum rechtzeitig erhalten würden. Usbekistan erkennt Kosovo nicht als unabhängigen Staat an, was die Angelegenheit zusätzlich erschwert hat. Sechs Tage vor dem Abflug nach Samarkand hat es dann doch noch geklappt. Ruedi Gautschi flog extra nach Berlin und holte das Visum für Halit ab. Das war eine riesige Erleichterung für die ganze Mannschaft.
Stichwort «das liebe Geld». Wer trug die Kosten für die Teilnahme des Schweizer Teams in Samarkand?
Die FIDE übernahm für die eingeladenen Mannschaften die Flug- und Hotelkosten für sieben Personen, jeweils bis zu einem bestimmten Betrag pro Person. Für weitere Kosten wie das Outfit, verschiedene Versicherungen, Bahnkosten usw. schrieben wir Privatpersonen und Stiftungen an. Die Leute waren enorm spendabel und unterstützten uns grossartig. Die Schlussabrechnung ist noch nicht gemacht, weil wir noch auf die Abrechnung der FIDE warten. Ich gehe aber davon aus, dass es am Ende ungefähr auf ein Nullsummenspiel hinausläuft.
Wie hoch waren Ihre persönlichen Kosten für dieses unvergessliche Erlebnis?
Theoretisch null Franken. Ich habe allerdings 500 Franken gespendet.
Sie und Ihr Klubkollege Igor Yarmolov sind beide Rollstuhlfahrer. Da dürfte ja schon allein die Reise nach Usbekistan eine grosse logistische Herausforderung gewesen sein. Wer stand Ihnen dabei zur Seite?
Wir buchten die Reise über Globetrotter. Dort unterstützte man uns bei der Organisation sehr gut und nahm uns viel Arbeit ab. Am Flughafen sieht es dann allerdings wieder etwas anders aus. Man muss gut vorbereitet sein, denn es kommen viele Fragen: Welche Batterien hat der Rollstuhl? Wie schwer ist er? Wie muss er transportiert werden? Meine Assistentin war uns dabei ebenfalls eine grosse Hilfe. Insgesamt funktionierte es gut. Aber man merkt schnell, dass eine solche Reise mit einem Rollstuhl etwas mehr Vorbereitung benötigt.
Standen Ihnen auch vor Ort Helfer zur Seite?
Bereits am Flughafen in Zürich bekamen wir Unterstützung. Wir wurden vom Check-in bis zum Gate vom Flughafenpersonal begleitet. Beim Umsteigen in Istanbul funktionierte es nicht optimal. In Samarkand stellte die FIDE uns zahlreiche Helfer zur Verfügung. Das war sehr hilfreich, gerade weil die ganze Organisation für uns neu war. Beim Rückflug klappte dann fast alles.
Stichwort Spiellokal. Wir haben erfahren, dass es vor den Matches scharfe Kontrollen gab, um Betrug zu verhindern. Erzählen Sie!
Die Sicherheitskontrollen waren tatsächlich ziemlich streng. Es war quasi wie am Flughafen: Man musste durch eine Schranke und wurde danach noch mit einem Stab gefilzt. Am zweiten Tag fragte mich ein Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, was ich in den Ohren hätte. Ich erklärte ihm, dass es sich um Hörgeräte handle. Er liess mich dann zwar hinein, allerdings eher zähneknirschend. Am nächsten Tag nahm ich die Hörgeräte deshalb nicht mehr mit ins Spiellokal.
Sie spielten sieben Runden ohne Ruhetag. Blieb da auch etwas Zeit, um Land und Leute kennenzulernen?
Leider nur sehr wenig. Samarkand lag rund 17 Kilometer vom Spielort entfernt. Leider gab es keine geeigneten Rollstuhltaxis, und die Busse hatten keine Rampen. Deshalb war die Möglichkeit, die Stadt zu erkunden für mich nicht möglich. In der Nähe des Spielortes gab es einen Rudersee. Dort habe ich ein paar Spaziergänge gemacht und konnte zumindest etwas von der Umgebung geniessen.
Sie erreichten 3 Punkte aus fünf Partien. Zufrieden?
Im Grossen und Ganzen ja. Eine Partie spielte ich schlecht und verlor. Dafür stand ich in der letzten Runde klar auf Verlust und konnte die Partie noch gewinnen. Die anderen drei Partien waren okay.
Wie bereiteten Sie sich persönlich auf die Olympiade vor?
Ich löste ein paar Aufgaben auf Lichess. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich nicht gross vorbereitet habe. Aufgrund des organisatorischen Aufwands im Vorfeld hatte ich dafür schlicht nicht die nötige Zeit.
Gab es eine gezielte, professionelle Team-Vorbereitung?
Leider nicht. Wir trafen uns bei Igor und Galina zu Hause zu einem Mannschaftstreffen. Wir wurden durch Galina fein bekocht und besprachen dort einige organisatorische und schachliche Dinge. Eine gemeinsame Vorbereitung mit einem Trainer gab es aber nicht.
Die Schweizer Damen- und Herrenmannschaft hatte einen Coach vor Ort. War dies für die Behindertenmannschaft nicht machbar?
Leider nein. Das war in erster Linie eine finanzielle Frage. Sollten wir in zwei Jahren wieder eingeladen werden, müssen wir schauen, ob wir eine oder zwei zusätzliche Personen mitnehmen können. Wir waren übrigens das einzige Land, bei dem der Captain gleichzeitig auch selbst spielte. Das war natürlich nicht optimal, weil dadurch zusätzliche Aufgaben zusammenkamen.
Wie erfolgte die Vorbereitung auf die einzelnen Partien vor Ort?
Da wir keinen Trainer dabei hatten, bereiteten wir uns individuell auf die jeweiligen Partien vor.
Gab es ein unvergessliches Schlüsselerlebnis aus Ihrer persönlichen Sicht in Samarkand?
Die Eröffnungs- und Schlussfeier waren gigantisch. Ich war vom ganzen Anlass sehr beeindruckt. Ich spiele viele Einzel- und Mannschaftswettkämpfe, aber eine Veranstaltung in diesem Ausmass habe ich bisher noch nie erlebt. Auch die Tatsache, dass 41 Nationen beziehungsweise Teams zusammenkamen und Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gemeinsam Schach spielten, war für mich etwas Besonderes.
Für wie wichtig erachten Sie es – Stichwort Inklusion – für das Schweizer Schach, dass eine Behinderten-Nationalmannschaft an grossen Turnieren teilnehmen kann?
Sehr wichtig! Wir stehen hier erst am Anfang. Jetzt müssen wir Schritt für Schritt weitermachen und uns noch besser aufstellen. Die Olympiade war eine super Erfahrung. Nun gilt es, das Positive mitzunehmen und darauf aufzubauen. Ich hoffe, dass wir dadurch auch weitere Spieler(innen) motivieren können, sich dem Schachsport anzuschliessen und sich auf der FIDE-Liste registrieren zu lassen.
Plant die Schweizer Behinderten-Nationalmannschaft weitere Teilnahmen an internationalen Events?
Das wird sich zeigen. Wenn wir in zwei Jahren wieder für die Olympiade in Abu Dhabi eingeladen werden, ist eine Teilnahme sicherlich ein Thema. Bei dieser Gelegenheit möchte ich es nicht unterlassen, mich im Namen der gesamten Nationalmannschaft bei den Sponsoren, Helferinnen und Helfern sowie den Assistentinnen und Assistenten ganz herzlich für die grossartige Unterstützung zu bedanken. Ohne sie wäre diese Teilnahme nicht möglich gewesen!
Interview: Graziano Orsi
Marc Tillmann persönlich
Wohnort: Schönbühl.
Alter: 60.
Beruf: Digital Marketing Manager & E-Commerce.
Hobbys: Schach, Reisen, Fussball passiv.
ELO: 1888.
Klub: Köniz-Bubenberg, Schweizer Schach Senioren.
Lieblingsschachspieler: Garri Kasparow. Sein Spielstil hatte mir damals sehr imponiert.
Schach-Buchtipp: «Die Schachnovelle» von Stefan Zweig.
Web-Tipp: www.lichess.org.